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Gymnasien fehlen Lehrer für Ganztagsbetrieb


BILDUNGSPOLITIK

Samstag, 6. März 2010 01:50  - Von Katrin Lange
Eine Säule der Berliner Schulreform wackelt schon vor dem Start: das Ganztagsgymnasium. Zwölf von ihnen gehen im Zuge der Reform an den Start, eines in jedem Bezirk. Doch die Schulleiter sind in Aufruhr.

Sie wollen in der Ausstattung nicht schlechter gestellt sein als die Sekundarschulen, die ebenfalls einen Ganztagsbetrieb anbieten. Jetzt haben die Rektoren erfahren, dass sie die zwei zusätzlichen Lehrerstellen für Studienzeiten und Förderstunden nicht bekommen. An den Sekundarschulen werden sie jedoch gewährt.


Jörg Balke, Leiter der Rückert-Oberschule in Schöneberg, sieht damit sein Konzept infrage gestellt. "Wir müssen neu diskutieren, ob wir überhaupt ein Ganztagsgymnasium werden wollen", sagt der Schulleiter. Zu einem Ganztagsbetrieb gehöre auch zusätzliches pädagogisches Personal.
Das sieht auch Jutta Deppner so. Die Schulleiterin der Hermann-Hesse-Oberschule in Kreuzberg hat jüngst auf einer Fortbildung erfahren, dass die Gymnasien die zwei Stellen nicht erhalten. In der Begründung hieß es, dass die Gymnasiasten nicht noch mehr Unterricht aufgebürdet bekommen sollen. An der Kreuzberger Schule lernen 80 Prozent Kinder mit Migrationshintergrund. "Gerade für diese Schüler sind Übungsstunden mit Lehrern besonders wichtig", sagt Deppner. Am Gottfried-Keller-Gymnasium in Charlottenburg-Nord gibt es schon ein Schulprogramm für den Ganztagsbetrieb. Die entscheidende Neuerung ist ein Freizeit- und Fördermodell für die 150-minütige Mittagszeit. Schulleiter Eberhard Kreitmeyer hat in dieser Zeit unter anderem verpflichtende Studienzeiten vorgesehen und die zwei zusätzlichen Lehrkräfte dafür eingeplant. "Wir brauchen diese Förderstunden."


Viele Schüler kämen mit einer Realschulempfehlung. Die bräuchten keine Betreuung durch Erzieher und Sozialarbeiter, sondern Lehrer, die den Stoff noch einmal erklärten. Unterstützt wird der Schulleiter von den Eltern. "Wir begrüßen das Ganztagsgymnasium gerade an diesem Standort, einer sozialen Problemregion", sagt André Nogossek, Vorsitzender der Gesamtelternvertretung. Aufgrund der sozialen Zusammensetzung der Schüler könne aber nicht der Personalschlüssel eines herkömmlichen Gymnasiums zugrunde gelegt werden.


Alle drei Schulleiter sind besonders deshalb so enttäuscht, weil ihnen die Gleichstellung mit den Sekundarschulen versprochen wurde. Die ist im Schulgesetz verankert. Dort heißt es in Paragraf 14, dass der Ganztagsbetrieb der Sekundarschulen und der Gymnasien eine pädagogische Einheit bildet. Diese umfasst neben dem Unterricht Angebote der individuellen Förderung sowie die außerunterrichtliche Betreuung. Für Schülerarbeitsstunden und Förderunterricht wird es zwei Lehrerstellen geben. Das solle jetzt nur für die Sekundarschulen gelten, befürchten die Schulleiter. Sie hoffen auf ein klärendes Gespräch mit der Schulaufsicht Ende März.
"Die Ganztagsgymnasien werden bezogen auf den Ganztagsbetrieb völlig analog zu den Integrierten Sekundarschulen ausgestattet", sagte Bildungssenator Jürgen Zöllner (SPD) auf Anfrage. Zusätzliche Erzieher und Sozialarbeiter beziehungsweise die Möglichkeit, diese Personalmittel auch als Budget für Kooperationen mit außerschulischen Trägern einzusetzen, stärkten die Ganztagsgymnasien. Sollten hinsichtlich der Ausstattung mit Lehrerwochenstunden Defizite bestehen, so Zöllner, werde nach Lösungen gesucht und angestrebt, dass beide Schulformen zur Unterstützung des Ganztagsbetriebes die gleichen Voraussetzungen haben.

http://www.morgenpost.de/printarchiv/berlin/article1269568/Gymnasien-fehlen-Lehrer-fuer-Ganztagsbetrieb.html